Forschung am HCIAS
Forschungsprogramm „Räume und Dynamiken in Ibero-Amerika“
Die Forschung am HCIAS vereint eine Vielzahl von Disziplinen aus den Sozialwissenschaften, Geistes- und Kulturwissenschaften sowie Umweltstudien. Gemeinsames Ziel ist es, über eine möglichst umfassende Beschreibung und Analyse zu einem besseren Verständnis der Makroregion „Ibero-Amerika” beizutragen. In unserer Forschung wie auch in der Lehre setzen wir am HCIAS einen Schwerpunkt auf Lateinamerika sowie die Iberische Halbinsel und beziehen ausdrücklich jene Gebiete ein, zu denen enge historische, kulturelle, politische oder sozioökonomische Verbindungen bestehen.
Unter dem rahmengebenden Thema „Räume und Dynamiken” befasst sich unser Forschungsprogramm mit den sozialen, kulturellen und ökologischen Dimensionen Ibero-Amerikas. Aus unterschiedlichen Perspektiven nehmen wir in drei Fokusbereichen die Netzwerke, Institutionen und Diskurse Ibero-Amerikas in den Blick, um Kontinuitäten, Brüche, Transformationen, sowie innere und äußere Verflechtungen der Makroregion zu erforschen.

Fokus 1: Multiple Transformationen und gesellschaftliche Kohäsion
Ibero-Amerika hat in den letzten Jahrzehnten große politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Veränderungen durchlaufen, die durch die Globalisierung und digitale Technologien beschleunigt wurden. Demokratie, wenngleich sie seit den 1970er Jahren weit verbreitet ist, bleibt stellenweise fragil und wird oft durch autoritäre Tendenzen in Frage gestellt. Neoliberale Reformen und die Integration in globale Märkte haben Volkswirtschaften umgestaltet, soziale Spannungen verschärft und populistische Politik wiederbelebt, während traditionelle Hierarchien und Ungleichheiten fortbestehen. Kulturell ist die Region durch eine ungleiche Modernisierung geprägt, die eine Mischung aus traditionellen und postmaterialistischen Werten widerspiegelt.
Unsere Forschung untersucht diese Veränderungen unter dem Gesichtspunkt der demokratischen Stabilität und des sozialen Zusammenhalts. Wir fokussieren auf Kommunikation – insbesondere digitale Plattformen – als Schlüsselfaktor für politisches Engagement und öffentliche Meinung und untersuchen gleichzeitig sozioökonomische Übergänge, Umweltungleichheit und deren soziale Auswirkungen. Wir untersuchen, wie Einzelpersonen und Bewegungen den Zusammenhalt herausfordern oder stärken, einschließlich Reaktionen auf Ungerechtigkeiten in Lebensmittelsystemen und innovativen Strategien zur Verringerung von Ungleichheit. Geschlechterdynamiken und feministische Bewegungen bilden einen weiteren wichtigen Forschungsbereich, insbesondere ihre Rolle beim Widerstand gegen den rechten Konservatismus, bei der Verteidigung von Umweltaktivisten und bei der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt.
Im kulturellen Bereich analysieren wir die Rolle von Kirchen und religiösen Gruppen bei der Gestaltung des politischen Lebens und des sozialen Zusammenhalts, insbesondere in Lateinamerika, wo diese Institutionen einen bedeutenden Einfluss auf moralische Debatten und Themen mit sozial- und wirtschaftsethischem Bezug haben.
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Fokus 2: Globalisierung und Mobilität von Kultur- und Naturerbe
Fokus 2 beschäftigt sich damit, wie Mobilität und Zirkulation – in Vergangenheit und Gegenwart – kulturelle, natürliche und soziale Verbindungen in Ibero-Amerika prägen. Wir gehen der Frage nach, wie Bewegung, materielles und immaterielles kulturelles Erbe und Umwelt ständig neu ausgehandelt werden. Dabei verstehen wir sowohl Natur als auch kulturelles Erbe nicht als etwas Feststehendes, sondern als etwas Dynamisches, das fortlaufend von Menschen, Institutionen und Gesellschaften gestaltet wird.
Im Einklang mit der Erbe- und Umweltforschung an der Universität Heidelberg wir die Auffassung, dass kulturelles Erbe nicht statisch ist, sondern sich durch historische und (trans-)kulturelle Einflüsse weiterentwickelt, und dass die natürliche Umwelt eng mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren verflochten bleibt.
Wir untersuchen, wie kulturelle und natürliche Ressourcen entstehen, weitergegeben und manchmal auch infrage gestellt werden, und machen dabei Muster von Teilhabe und Ausschluss in unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexten sichtbar.
Darüber hinaus widmet sich die Forschung in Fokus 2 aktuellen globalen Herausforderungen für Kultur- und Naturerbe wie Umweltzerstörung und Klimawandel bzw. deren Auswirkungen in Ibero-Amerika. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den komplexen räumlichen und gesellschaftlichen Dynamiken in der Makroregion, die durch erzwungene Migration und irreguläre Mobilität entstehen. Dazu gehört sowohl die Untersuchung von Migrationskorridoren als geopolitische Verbindungen, insbesondere zwischen Mittelamerika, Mexiko, Spanien und den USA, durch die wir Einblicke in die Ibero-Amerika prägenden Süd-Nord-Abhängigkeiten, als auch die Analyse sozialer Prozesse in den „Zwischenräumen“ irregulärer Grenzübertritte, die die materiellen und immateriellen Landschaften der Makroegion prägen.
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Fokus 3: Soziale und kulturelle Kommunikation
Fokus 3 konzentriert sich auf die sozialen und sprachlichen Dynamiken von Kommunikation innerhalb Ibero-Amerikas sowie zwischen Ibero-Amerika und Regionen wie den USA und Europa. Angesichts der Mehrsprachigkeit vieler geografischer, politischer und kultureller Räume in der Makroregion sind die sprachlichen Interaktionen komplex und vielfältig. Focus 3 untersucht, wie Sprachen und Kulturen sowohl innerhalb Ibero-Amerikas als auch mit externen Regionen in Kontakt kommen, und erforscht die sozialen, kulturellen und kognitiven Auswirkungen dieser Interaktionen. Zu den wichtigsten Forschungsbereichen in diesem Zusammenhang gehören die Wahrnehmung sprachlicher und kultureller Realitäten, die Rolle der sozialen Medien und der digitalen Kommunikation sowie die Erhaltung und Verwaltung des sprachlichen und kulturellen Erbes.
Unsere Forschung befasst sich auch mit der sprachlichen und kulturellen Vielfalt als Resultat von Migration, die in den letzten 150 Jahren die ibero-amerikanischen Gesellschaften, die Politik, die Wirtschaft und das Bildungswesen maßgeblich beeinflusst und die Sprachlandschaften und Kommunikationspraktiken in der gesamten Region und darüber hinaus geprägt hat. Wir fokussieren dabei insbesondere auf die einzigartigen Sprachdynamiken und sozialen Gepflogenheiten, die in Grenzgebieten, städtischen Gemeinschaften und unter den Sprechern der zweiten und dritten Generation in Ibero-Amerika und seinen Kontaktgebieten entstehen.